Kranke Schilddrüse vom Nachwuchs?
Foetale Zellen auf Wanderschaft
12.03. Manche der so genannten Autoimmunkrankheiten von Frauen sind womöglich nichts anderes als chronische
Graft-versus-host-Reaktionen. Die verdächtigten Übeltäter: foetale Zellen, die während der Schwangerschaft in
den mütterlichen Organismus gelangten. Warum leiden mehr Frauen an Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse, weshalb
verschlimmern sich die Erkrankungen
nach einer Schwangerschaft, und wieso treten sie häufig nach einer Schwangerschaft zum ersten Mal auf? Spielen
dabei foetale Zellen im Körper der Mutter eine Rolle? Diesen Fragen gingen Wissenschaftler von der Medical School
der Universität Boston nach und untersuchten das erkrankte Schilddrüsengewebe von 29 Frauen, die sich einer
Thyreoidektomie unterzogen hatten. Als Kontrolle dienten Gewebeproben von acht schilddrüsengesunden Frauen,
die an anderen Erkrankungen verstorben waren.
Auch bei Sklerodermie und Sjögren
Um foetale Zellen zu erkennen, wendeten die Forscher fluoreszenzmikroskopische Verfahren an, mit denen sich
männliche - also eindeutig nicht von der Mutter stammende - von weiblichen Zellen unterscheiden ließen. Das
überraschende Ergebnis: Bei 63 % der Mütter, die mindestens einen Sohn zur Welt gebracht hatten, fanden die
Wissenschaftler männliche Zellen im erkrankten Schilddrüsengewebe, dagegen in keiner einzigen Probe aus den
acht gesunden Organen. Nicht nur bei Entzündungen, auch in Struma- und Schilddrüsenkarzinomgewebe ließen sich
die fremden Zellen nachweisen. Männliche foetale Stammzellen, die während der Schwangerschaft vom Sohn in den
mütterlichen Blutkreislauf gelangten, vermuten die Wissenschaftler. Ähnlich einer Graft-versus-host-Reaktion
könnte dieser als foeteler Mikrochimärismus bezeichnete Zustand die Erkrankungen der Schilddrüse ausgelöst haben.
Dieses Phänomen scheint nicht auf die Schilddrüse beschränkt zu sein. Denn auch bei Patientinnen mit primärer biliärer
Zirrhose, Sklerodermie oder mit Sjögren-Syndrom wurden bereits foetale Zellen im erkrankten Gewebe nachgewiesen.
Tochters Zellen stoppen Mutters Tumor
Die Erkenntnis, dass foetale Zellen in den mütterlichen Organismus gelangen und sich u.a. in der Schilddrüse
einnisten können, hat möglicherweise auch therapeutische Konsequenzen. Das zeigt der Fall einer 52-jährigen Patientin
mit metastasiertem Schilddrüsenkarzinom. In dem Organ hatte man außerdem Zellen der Tochter nachweisen können.
Als die Mutter auf Grund der enormen Tumormasse unter quälendem Hustenreiz und oberer Einflussstauung litt,
infundierten ihr japanische Forscher unter der Annahme einer bestehenden Immuntoleranz Lymphozyten, Stammzellen
und andere weiße Blutzellen, die die Tochter gespendet hatte. Mit Erfolg: Nach drei Tagen ließ der Husten nach,
und die Einflussstauung ging zurück. Ein Jahr nach der Behandlung war auch der Tumor kleiner geworden, die Metastasen
in Lunge und Leber verschwunden. Abstoßungsreaktionen waren trotz fehlender Immunsuppression nicht aufgetreten.
Kenneth Tokita et al.; Lancet 2001; 358: 2047 - 2048
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