Körperabwehr: Stammesgeschichtlich älter als angenommen
Molekularbiologen finden Abwehrmolekül im Blut von Manteltieren
27.02. Wichtige Bausteine des menschlichen Immunsystems sind viel älter als bisher
angenommen. Ein internationales Forscherteam um Thomas Bosch vom
Zoologischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel konnte
ein auf der Oberfläche von menschlichen
"Killerzellen" vorhandenes Molekül auch in Blutzellen von Manteltieren
nachweisen. Dieses Molekül sorgt beim Menschen als Rezeptor für die
Erkennung und Abwehr fremder oder entarteter Zellen. Über die Entdeckung
berichten die Wissenschaftler in der aktuellen Online-Ausgabe der
Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).
Für die Forscher zeigt die Entdeckung, wie wichtig
vergleichende Untersuchungen auch an ungewöhnlichen Objekten sind.
Bosch und seine Kollegen fanden heraus, dass Manteltiere auf der
Oberfläche ihrer Blutzellen ein Molekül besitzen, das als Rezeptor bei
der Erkennung fremder Zellen eingesetzt werden kann. Das Molekül zeigt
eine große Ähnlichkeit zu den CD94 Rezeptoren, die sich auf der
Zelloberfläche der sogenannten menschlichen "Killerzellen" befinden. Die
Blutzellen der Manteltiere, die dieses BsCD94-1 Molekül tragen, scheinen
damit die stammesgeschichtlichen Vorläufer der Killerzellen des Menschen
zu sein. Damit sind zumindest einige Komponenten des ausgefeilten
Immunsystems der Wirbeltieren weitaus älter als bislang angenommen. Statt
eines rätselhaften immunologischen Urknalles scheint eher eine
schrittweise Entwicklung stattgefunden zu haben.
Bislang ging man nämlich davon aus, dass nur Wirbeltiere ein komplexes
erworbenes Immunsystem haben. Nach bisheriger Auffassung greifen einfache
Tiere wie die kieferlosen Fische oder alle Wirbellosen bei
Immunreaktionen ausschließlich auf Moleküle des so genannten angeborenen
Immunsystems zurück. "Eines der größten biologischen Rätsel aller Zeiten
ist die Evolution der erworbenen Immunantwort", schreibt Charles Janeway
in seinem gerade erschienenen Lehrbuch zur Immunologie. Er geht von einem
immunologischen "Urknall" aus, der bei den Wirbeltieren plötzlich die
komplexen Moleküle des erworbenen Immunsystems entstehen ließ.
Manteltiere sind evolutionsgeschichtlich sehr alt und stehen
stammesgeschichtlich an der Wurzel der Wirbeltiere und damit auch des
Menschen. Es handelt sich dabei um einfache, festsitzende Meerestiere.
Ihr Name stammt von der celluloseähnlichen Epidermis, die die Tiere wie
ein Mantel umgibt. Einzeltiere können sich zu Kolonien zusammenschließen.
Beim Aufeinandertreffen von zwei Kolonien kann es zur Verschmelzung oder
zu Abstoßungsreaktionen kommen.
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